Nepal, Zeit in der Auszeit

8 Jun 2018

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Hier in unserer dreimonatigen Familienauszeit in Nepal, nehme ich mir von Zeit zu Zeit Zeit, zuzuhören, was das Jetzt zu erzählen hat.

 

Wenig abseits vom Gekicher und Gezeter meiner Kleinen, setz ich mich hin. Mein Blick schweift umher, meine Gedanken schweifen ab; erst Yoga, dann meditieren, oder doch nur Yoga für heute, damit ich nicht zu lange weg bleibe? Hat es jetzt wohl viele Mücken? Dann müsste ich ständig die Augen wieder öffnen, um eine zu erschlagen. Meditieren und zwischendurch Insekten töten, das geht gar nicht! Kommt wohl wieder eine Affenbande hier durch? Würden sie mich denn bemerken, wenn ich stockstill hiersitze und meditiere? Ach nein, das sind ja Reptilien, die einem nur bemerken, wenn man sich bewegt. 

 

Schluss jetzt! 

 

Ich halte das Gedankenkarusell an und beginne das Rad des Dhamma zu drehen. Falls du das Rad des Dhamma noch nicht gedreht hast; ich beginne zu meditieren, wie ich es im Vipassana Seminar gelernt habe. Mit dieser Meditationstechnik lässt du dein Bewusstsein vom Scheitel bis zu den Zehen strömen. Auf und ab, immer und immer wieder, bis Zeit, Raum und Materie miteinander verschmelzen. So fühlt es sich jedenfalls für mich an, in den ca. 30 Minuten, die ich mir fast schon täglich Zeit nehme.

 

Mein Bewusstsein geht auf und ab, wieder auf und ab, dann wieder weg. Mit Entschlossenheit und allem Gleichmut, den ich aufbringen kann, hol ich mein Bewusstsein wieder zurück. Eins habe ich gelernt in den 10 Tagen Vipassana: wie unnötig und hinderlich es ist, sich immer und immer höhere Ziele zu stecken, und demnach immer und immer mehr enttäuscht von mir zu sein, wenn ich sie nicht erreiche. 

Je mehr meine Gedanken abschweifen, desto mehr kann ich mich in Gleichmut üben.

Während ich meditiere, beobachte ich das Entstehen meiner Gedanken, Sorgen die aus dem Nichts kommen, Ideen, die voller Ungeduld wachsen möchten, und wie alles plötzlich, früher oder später wieder verschwindet. Ein Gedanke, ein Leben wird geboren, lebt über kurz oder lang und stirbt wieder. Was zurückbleibt ist ein Abdruck mit mehr oder weniger Nachdruck. Unsere Erinnerung verschwimmt, verfälscht und verschönert. Wie ein Nachhall, der sich in den Klang des Jetzt einmischt. 

 

Ich spüre wie meine Sinne, meine Vorstellungskraft und meine Erinnerungen immer in Bereitschaft stehen, um mich in längst Vergangenes zu katapultieren. Immer in Bereitschaft, um mich in Kommendes, Ersehntes und Geplantes zu werfen.

 

Doch was ist mit dem Jetzt? Wie komme ich dahin und warum scheint es so fern?

 

Den Moment zu finden und darin zu verweilen ist wertvoll. Wie wertvoll, konnte ich kaum erahnen und im Seminar nur in Bruchteilen von Sekunden spüren. 

Diese verschwindend kurzen Momente des Seins schenkten mir Zuversicht weiter zu üben. Egal wie viel Zeit ich investiere, wie, wann und wo, ich habe seit den zehn Tagen im Jura immer in irgendeiner Form weiter meditiert.

 

Jetzt bin ich hier in Nepal, um mich herum eine Geräuschkulisse, die beinahe vor Lebendigkeit platzt.

 

Zwitschern, knistern, zirpen, zischen, klirren, rattern, singen, schwingen, schwirren, gurren, blubbern, surren, schnurren, murmeln, brummen, hupen, vibrieren, tirilieren, reklamieren, plagieren, Gezeter, Geweine, Gekicher, schimpfen, krähen, röhren, stöhnen und jubeln.

 

Ich beobachte wie die Umgebung meine Empfindungen beeinflusst. Je mehr ich in die Meditation eintauche, desto einfacher wird es, mich und meine Umgebung zu beobachten. Es wird möglich zu entscheiden, was ich einfliessen lasse und was ich loslassen möchte. Frei entscheiden, ob ich die Fülle dieses Ortes wie ein universelles Schwingen und Klingen auf mich einwirken lasse. Oder ob ich etwas Bestimmtes, Kleines, Subtiles fokussieren möchte, wie die sich ständig verändernden Empfindungen auf der Oberseite meines kleinen Zehe. 

Beide Begebenheiten, die Geräuschkulisse und auch das Gefühl auf meinen Zehen sind immer da und in ständiger Veränderung. Die Frage ist nur nehme ich es war oder nicht?

 

In unserem alltäglichen Leben habe ich, vielleicht auch du diese Fähigkeit verloren. Ich kann nicht mehr frei entscheiden, was ich aufnehme und was ich wieder loslassen möchte. Ich habe die Lust verloren, mich den Kleinigkeiten des Moments zu widmen. Oft verstricke ich mich in Erinnerungen, Geschafftes oder bin in neugieriger Vorfreude auf Kommendes.

 

Glück liegt weder im Gestern noch im Morgen. Glück liegt weder in der Komplexität unserer Gedankenwelt, noch finden wir es, wenn wir im Paradies leben. Glück ist einfach immer da. 

 

Zu meditieren schenkt mir die Möglichkeit neutraler zu beobachten, wahrzunehmen, aufzunehmen, loszulassen und zu verweilen. Da zu verweilen, wo ich auf mein Glück treffe.

 

Unsere Auszeit hier in Nepal schenkt mir Gelassenheit, mir von Zeit zu Zeit, Zeit zu nehmen, hinzuhören, was das Jetzt zu erzählen hat.

 

Iona

 

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